Pre­mie­re Komö­die “Affai­re Gar­ten­zwerg”

Mit der „Affai­re Gar­ten­zwerg“ fei­er­te die Wald­büh­ne Hel­dritt am Sams­tag eine gran­dio­se Komö­di­en­pre­mie­re. Und was für eine: Hei­ter, hin­ter­grün­dig, frech, fri­vol. Eine meis­ter­lich insze­nier­te Grat­wan­de­rung zwi­schen Tra­di­ti­on und Zeit­geist, zwi­schen Zuspit­zung und Komik.
Es ist der gute alte Gar­ten­zwerg, der töner­ne Gesel­le mit der roten Zip­fel­müt­ze, der als Syn­onym gilt für deut­sche Wer­te, wie Fleiß, Beschei­den­heit, Zucht und Ord­nung, für Boden­stän­dig­keit und lang­le­bi­ge Tra­di­ti­on. Doch er wird schier unter­wan­dert – vom Zeit­geist und auch von chi­ne­si­scher Bil­lig­kon­kur­renz aus schnö­dem Plas­tik. Wie soll da die Fir­ma Hein­zel­mann & Co Gar­ten­zwer­ge über­le­ben? Im ers­ten Akt wird das Publi­kum vor­sich­tig zum Gesche­hen geführt. Sozu­sa­gen zum Ken­nen­ler­nen – von Akteu­ren und The­ma­tik. Diet­lin­de Hein­zel­mann (Petra Els-Roschlau – eine Schau­spie­le­rin mit Büh­nen­prä­senz) berei­tet sich auf die Über­nah­me der Fir­ma durch Temu vor, mit Tee, chi­ne­sisch ler­nen und Pflau­men­schnäps­chen. Arg­wöh­nisch beob­ach­tet von Eva (Lena Ult­sch), der Haus­häl­te­rin, ein eher fau­les Ding mit gro­ßem Hang zum Joint. Der Chef des Hau­ses Fri­do­lin Hein­zel­mann (Mario Förs­ter) beweint und beklagt den Ver­fall der Gar­ten­zwerg­tra­di­ti­on und will gemein­sam mit sei­nem Pro­ku­ris­ten Lanze­lot Kurz (Maxi­mi­li­an Schub­arth) gegen­steu­ern. Schließ­lich hat der Gar­ten­zwerg Geschich­te, von Ägyp­ten über Jesus‘ Berg­pre­digt bis zu Schnee­witt­chen, über Jahr­tau­sen­de sei­nen Platz gehabt. Aber wirt­schaft­lich läuft‘s eher mise­ra­bel. Da will der Fri­do­lin lie­ber klot­zen als kle­ckern und über einen Antrag an die UNESCO den Gar­ten­zwerg im imma­te­ri­el­len Welt­kul­tur­er­be auf­ge­nom­men haben – neben Brot, Sau­na und Skat­spiel. Schließ­lich ist der klei­ne töner­ne „Hein­zel­mann“ eine zei­ten­über­dau­ern­de Kon­stan­te. Eine über drei Gene­ra­tio­nen lau­fen­de Unter­neh­mens­ge­schich­te braucht‘s, und des­halb soll der Kurz Hein­zel­manns Toch­ter Mat­hil­de (Ange­li­na Büschel) hei­ra­ten. Doch die hat „blank gezo­gen“ bei der Pri­de-Para­de in Ber­lin und hat damit der gro­ßen Vier­buch­sta­ben-Zei­tung das Titel­fo­to gelie­fert.
Rita-Lucia Schnei­der führt Regie – übri­gens mit krea­ti­ver Unter­stüt­zung ihres thea­ter­er­fah­re­nen Man­nes Micha­el Mro­sek – und hat auch den Text für das Stück geschrie­ben. Auf der Basis der Komö­die „Der keu­sche Lebe­mann“, sagt sie, die anfangs im Gespräch gewe­sen sei. Aber hier habe ihr jedes Fünk­chen an Zeit­geist gefehlt. Ganz nach Rita-Lucia Schnei­ders Cre­do hat sie sehr viel Wert auf Details gelegt, an der Situa­ti­ons­ko­mik bis aufs i‑Tüpfelchen gefeilt und dabei eine ziem­lich schar­fe Grat­wan­de­rung zu bewäl­ti­gen gehabt: Einer­seits lebt die Thea­ter­ko­mö­die von Zuspit­zung, ande­rer­seits läuft man schnell Gefahr, etwas ins Lächer­li­che zu zie­hen. „Es war mir wich­tig“, kom­men­tiert Schnei­der ihr Skript, „es so zu schrei­ben, dass die Dia­lo­ge eben nicht zu komisch rüber­kom­men.“ Sie will im Gegen­teil um Tole­ranz wer­ben, um neue Sich­ten auf eigent­lich bekann­te Din­ge. In der Recher­che ist Schnei­der wie immer exakt. Gehört der Gar­ten­zwerg nun zum imma­te­ri­el­len Welt­kul­tur­er­be oder nicht? Er selbst nicht, erklärt sie, aber die tra­di­tio­nel­le Hand­werks­kunst der Gar­ten­zerg-Her­stel­lung, wie sie in der letz­ten ver­blie­be­nen deut­schen Zwer­gen­ma­nu­fak­tur Grä­fen­ro­da in Thü­rin­gen prak­ti­ziert wird. Die Gar­ten­zwer­ge auf der Büh­ne wer­den übri­gens von Rak­so Kunst­stoff­er­zeug­nis­se gespon­sert.
In der Rol­len­be­set­zung hat Schnei­der auf ein bewähr­tes Team zugrei­fen kön­nen, wie Mario Förs­ter, der im ver­gan­ge­nen Jahr den Part des ein­ge­bil­de­ten Kran­ken spiel­te, Ste­fan Franz, Petra Els-Roschlau, Maxi­mi­li­an Schub­arth, der qua­si mit dem Kin­der­thea­ter auf der Wald­büh­ne groß wur­de, auf Ange­li­na Büsch­le, die vom Kin­der­thea­ter kommt, und Lena Ult­sch. Neu auf der Büh­ne ste­hen Alex­an­der Pohl (anfangs im eher unbe­ach­te­ten Part) – und in einer Glanz­rol­le Leo Tusche, der nicht mehr ganz jugend­lich tau­frisch sein Büh­nen­de­büt gibt, und das durch­aus spek­ta­ku­lär.
Wäh­rend der ers­te Akt durchs und ins Gesche­hen dahin plät­schert, scheint der zwei­te Akt förm­lich zu explo­die­ren. Denn der UNESCO-Ver­tre­ter Leo­pold Harf­ner (Ste­fan Franz) und sein Ange­trau­ter Hein­rich betre­ten die Büh­ne. Ful­mi­nant – und Hein­richs Künst­ler­na­me ist Hat­ty Har­per, eine Drag­queen mit viel Make-up, extra­va­gan­ter Perü­cke und glit­zern­dem Pail­let­ten­kleid. Ein biss­chen stel­zig bewegt sich Hat­ty schon in seinen/ihren hohen Pla­teau­schu­hen, aber durch­aus über­zeu­gend. Her­aus­for­de­rung ange­nom­men und mit Bra­vour bewäl­tigt! Der Pro­ku­rist, der um Mat­hil­de wer­ben soll, hat sich inzwi­schen dank des Coa­chings von Eva von Bril­le und Ärmel­scho­nern ver­ab­schie­det und chat­tet – mit sei­nem neu­en Schwarm Hat­ty. Er will Mat­hil­de eifer­süch­tig machen, doch plötz­lich steht Hat­ty vor ihm und alles gerät außer Rand und Band. Wit­zi­ge Dia­lo­ge mit dem leich­ten Hang zur Pikan­te­rie und meist haar­scharf an der Gür­tel­li­ni­en-Gren­ze.
Wäh­rend der Chef froh­lo­cket und dem UNESCO-Ver­tre­ter impo­nie­ren will, geht alles drun­ter und drü­ber. Der Lanze­lot ist bei Face­book zum King Arthus mutiert, dem Tiger von Bad Rodach, der Hat­ty stalkt. Die kriegt mit, wer Arthus ist, schickt ihm schlüpf­ri­ge Bil­der, pala­vert ein­deu­tig zwei­deu­tig über das Schwert Exca­li­bur und manch ande­re Unter­ho­sen­träu­me. Und irgend­wann eska­liert die Situa­ti­on. Wäh­rend­des­sen Otto – bis­her zwar eher unbe­ach­tet, aber einer der Inter-Pri­de-Orga­ni­sa­to­ren und Freund von Mat­hil­de – mit Diet­lin­de längst in medi­as res gegan­gen ist. Die bei­den prä­sen­tie­ren die Lösung für die völ­lig ver­track­te Situa­ti­on im Gar­ten­zwerg-Unter­neh­men. Der Gar­ten­zwerg soll das Mas­kott­chen wer­den für die Inter­pri­de und alle Aktio­nen der LGBTQ-Orga­ni­sa­tio­nen. Hun­dert­tau­sen­de sol­len von den klei­nen töner­nen Wich­teln hin­aus­ge­hen in die Welt und für Tole­ranz und Viel­falt wer­ben und ste­hen. Und genau das ist die Inten­ti­on des Gar­ten­zwerg-Affai­ren-Skripts von Rita-Lucia Schnei­der. Das Publi­kum soll mit­ge­nom­men wer­den in die Viel­falt und Bunt­heit des Lebens – und das mög­lichst ohne Schubs in kal­te Was­ser. In Hel­dritt jeden­falls wur­de an die­sem Abend viel und köst­lich und laut gelacht. Und am Ende tosend applau­diert.
Wie immer greift alles rund­um auf der Wald­büh­ne per­fekt inein­an­der und lässt das Thea­ter­räd­chen schnur­ren: Mas­ken- und Kos­tüm­bild­ner (viel Auf­wand Respekt!), Kulis­sen­bau­er, Tech­nik, Orga­ni­sa­ti­on, Ver­sor­gung und eine ent­spann­te, ver­gnüg­te Atmo­sphä­re mit Spaß und Begeis­te­rung.

 

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